7. April 2008

Jackpot

Wenn die Worte nicht wollen, weil sie so ungewohnt und roh sind, kleine, blutige Klumpen im Hals. Du schmeckst sie und schluckst sie schnell wieder runter, und dein Hals juckt von innen, dein ganzer Körper juckt unter der Oberfläche, weil trotzdem was raus will, aber du weißt nicht genau was und du weißt nicht mehr, wie. Dann spuckst du dein Fleisch aus, in die nächste Pfütze, wo es sich aufbläht und weich wird, zerfällt und träge herum schwimmt. Du könntest was erzählen, von Schneeflocken und Seifenblasen, von Winterspeck und Frühlingserwachen. Aber es ist noch zu kalt und du bist zu faul, oder deine Finger sind zu klamm, dein Gesicht ist eingefroren, deine Gedanken sind steif und stehen wie immer in der Schlange und warten auf den nächsten Gang. Den Einerleibrei auf die Teller geklatscht, grüne Sauce drüber, der Nächste bitte. Nicht drängeln, immer der Reihe nach, keiner muss hier leer ausgehen. Du brauchst nicht kauen, nur schlucken und schaufeln und schlucken. Noch mal anstellen, aber bitte nicht drängeln, für das Dessert mit Kirsche und Sahnehäubchen im Schälchen auf der weißen Plastikserviette. Du schmeißt die gerauchte Zigarette nach dem Essen in die Pfütze, neben die aufgeweichten Fleischbrocken. Zeit für die Tabletten, die kleine rote und die längliche blaue. Immer in dieser Reihenfolge. Erst rot, dann blau.

Du machst den Mund auf und es kommt noch immer kein Ton raus, in deinem Hals stecken zwei Tabletten, eine rechts eine links. Nicht würgen, nachspülen, hier ist der Lebensinhalt, ansetzen, austrinken, so ist es brav. Es wird ein bisschen wärmer und du sammelst Spucke, um ein Wort zu formen, doch du vergisst es bereits im Entstehen. Dafür wirst du jetzt ein bisschen wacher, kannst dich ja noch mal anstellen, vielleicht ist heute mal was Neues im Angebot, an Schalter 2. Vielleicht gibt es dort zwei für eins, oder den Superdeluxebrei mit gleich zwei Freigetränken. Heute könnte dein Glückstag sein und sie legen dir noch ein Rubbellos dazu, das du mit deinem Chip für den Einkaufswagen frei kratzen kannst. Deine Zungenspitze fährt über deine Lippen, du stellst dir vor, was für ein Geräusch deiner Kehle entweicht, wenn du der Glückliche bist, nur einmal, du – nicht die anderen.

Eine Sekunde lang fühlst du die Macht der Möglichkeit wie einen winzigen Stromschlag in deinem Gehirn, er sendet kleine pulsierende Wellen in deinen Körper. Aber die Schweissperlen auf deiner Stirn sind schon wieder getrocknet, bevor du das Los aus der Hand legst. Du siehst die Niete schon, noch bevor du was erkennen kannst, dein Blick wird wieder müde, dein Rubbeln langsam und mechanisch. So wie das Wasser, das langsam vom Strand zurückweicht, ziehen sich auch deine Mundwinkel wieder zurück in Richtung Kinn. In deiner Kehle ist ein Laut, es ist ein kleines Keuchen, die Luft hat sich gestaut in deinem Hals. Du denkst ans Ersticken, aber es kommt immer noch Luft zwischen die blutigen Klumpen. Du schmeckst sie und schluckst sie schnell wieder runter. Dann spuckst du dein Fleisch in die nächste Pfütze, wo es sich aufbläht und weich wird, zerfällt und träge herum schwimmt, zwischen Zigarettenkippen und Rubbellosen.